Wie ich früher ohne Internet, Facebook & Co. die Säle füllte

Blenden wir zurück ins Jahr 1983: Die neudeutsche Welle schwappt über in die Schweiz. Die italienischen Cantautori haben in der Schweiz – speziell in der Region Basel – ihre grosse Fangemeinde.

Ich selber bin Mitarbeiter einer Konzertagentur, und immer auf der Suche nach dem ultimativen Konzerterlebnis, welches sich auch in der Kasse wohltuend widerspiegelt.

Ich lümmle mich viel in der Basler ‚Italo-Szene‘ rum. Nicht nur wegen der Musik, aber doch auch. Eine nicht unattraktive Süditalienerin schwärmt mir von einem Pino Daniele. Noch nie gehört. Doch ziehe ich mir gleich ein, zwei Songs ‚rein. Nicht gerade mein bevorzugter Musikstil, doch dieser Pino hat etwas in seiner Musik, das mich anspricht.

Also: Recherchieren (das Internet gab’s damals noch nicht, auch keinen Fax, lediglich den ehrwürdigen Telex), telefonieren, überzeugen, verhandeln, rechnen und nochmals rechnen. Dann eine geeignete Halle suchen. Leider sind alle tauglichen besetzt, nur das klassische Stadtcasino Basel wäre noch frei. Die nächste Hürde. Den Verwalter (einen Österreicher) überzeugen, dass der Pino Daniele hervorragend ins Stadtcasino passt (was am Ende gar nicht stimmte). Endlich das OK und dann die Werbekampagne starten. Plakataushang, Vorverkauf, Lokalradios beknien, do. Zeitungen usw.

Endlich der grosse Tag. Die Meute schart sich vor dem geschlossenen Gitter. Ja, ich wiederhole: Die Meute. Das hatte ich wohl unterschätzt. Ich meinte, die sozialisierte Basler Links-Cantautori-Fangemeinde mit Pino Daniele anzulocken. Fehlgeschlagen. Die kamen aus dem tiefsten Süden des Stiefels – ursprünglich. Richtige Fans halt. Heissblütig. Ungeduldig. Ungezähmt. Mir schwante Böses…

Ich seh‘ mich noch heute, wie ich mir überlegte, das grosse Gittertor zu öffnen, an dem die Neapolitaner schon kräftig rüttelten, ohne selbst niedergetrampelt zu werden. Ich schrie meinen Helfern zu: Auf eins, zwei und drei öffnen wir – und dann ganz schnell verschwinden. Gesagt, getan. Das Tor öffnete sich und mit einem einzigen Schrei (Piiiiino!!!) erstürmten die Fans das altehrwürdige Stadtcasino.

Pino Daniele zelebrierte dann wirklich ein einmaliges Konzert. Die Fans waren hin und weg. Standen auf und traktierten die Plüschsessel. Rauchten und kifften trotz Rauchverbot. Tobten, was das Zeugs hielt. Göttlich.

Doch eben: Der liebe Stadtcasino-Verwalter liess uns mitteilen, wie gross die Schäden seien. Mind. 2 x so hoch, wie der von mir flugs errechnete Reingewinn. Oh weh. Was machen? Ich organisierte eine Putzequipe, und wir – ja auch ich – putzten während Stunden jeden Plüschsessel einzeln. Doch einige Sessel waren nicht mehr zu retten. Brandflecken und andere Flecken brachten wir nicht mehr raus. Schlussendlich mussten wir, trotz unseres grossen Einsatzes, unseren ganzen Reingewinn dieses Konzertes für mindestens ein Dutzend neuer Stühle ausgeben.

Foto: Unsplash / Pixabay, Lizenz: CC0 Public Domain

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